CLEVERSULZBACH

So still ist es nirgendwo........

von Joffrey Stahl


Das Dorf liegt freundlich in ziemlich regelmäßiger Gestalt in dem Tälchen des nordwärts fließenden, bald unterhalb Cleversulzbach in die Brettach mündenden Culzbach, lieblich umrahmt im Süden von waldbewachsenen steilen Hügeln, den Ausläufern der Löwensteiner Berge, in welchen der Culzbach und das Kiefertal einen tiefen Einschnitt macht, während nördlich vom Ort die sanfteren Höhen des Reben bepflanzten Weinbergs vorgelagert sind. Das Dorf ist nicht besonders ansehnlich, da es nur wenige größere Gebäude aufweist. Das Ortswappen enthält eine Traube, gemäß der irrigen Ableitung des Namens von Cleoner.

Die feine und unansehnliche Kirche, aus Stein gebaut und außen mit Putz beworfen, scheint auf einem längst verlassenen Begräbnisplatz zu stehen. Das Terrain steigt nach Westen an, weshalb auch der Boden der Kirche etwas feucht ist. Der mit zopfigen Ornamenten versehene Taufstein zeigt die Jahreszahl 1710 , während der im Chorhaus stehende Altar neu ist. Der Chor, welcher das untere Geschoß das kleinen und niederen viereckigen Turmes bildet, zeigt ein Kreuzgewölbe mit Gurten, in welchem der Sternenhimmel gemalt ist; das Kirchenschiff hat eine flache Decke. Auf dem von einem spitzigen Schieferdach bedeckten Turm hängen 3 Glocken mit folgenden Inschriften:
1. Gegossen von U. Bachert in Kochendorf für die Gemeinde Cleversulzbach 1859.
Pfarrer Haueifen, Schullehrer Gries, Schultheiß Hermann.
2. Gegossen von U. Bachert in Kochendorf für die Gemeinde Cleversulzbach
Wer mich hört nah und fern, walle fromm zum Haus des Herrn.
3. Joh.Georg Rohr zu Heilbronn grüß mich,
nach Cleversulzbach gehoer ich 1700.

Das Pfarrhaus, am Ende des Ortes an der nach Neuenstadt führenden Straße gelegen, ist nach der auf der Westseite an der Oberschwelle der Haustür angebrachten Jahreszahl im Jahre 1755 erbaut. Die hohen Ziemen desselben zeigt dicke Mauern mit tiefen Fensternischen. Neben dem Haus befindet sich der stattliche Pfarrgarten und die Pfarrscheune; in dem Pfarrgarten steht die Lieblingsbuche des Dichters Eduard Mörike mit den in die Rinden eingeschnittenen Namen seiner Freunde. Das Pfarrhaus ist vom Staat zu unterhalten, die Kirche von der Stiftungs- und Gemeindepflege.

Wenige Schritte vom Pfarrhaus entfernt liegt auf derselben Seite der Straße der ummauerte Friedhof, über dessen Eingang die Zahl 1764 steht. Dort stehen rechts vom Eingang zwei einfach niedere Steinkreuze nebeneinander, auf deren einem man die Worte : " Schillers Mutter " eingegraben findet, auf dem andern: " Charlotte Mörike", auf der Rückseite: gest. den 28.April 1841. Das erste Kreuz wird von einer Linde überragt. "Eines Unsterblichen Mutter liegt bestattet; es richten Deutschland Männer und Freuen eben den Marmor ihm auf."

So sang Eduard Mörike, Pfarrer des Ortes von 1834 bis 1843, von dem diese Kreuze, eines für Schiller, das andere für seine Mutter, aufgerichtet wurden. Neben der Kirche befindet sich das Schulhaus mit zwei geräumigen Lehrzimmern, als Vergrößerung des alten Schulhauses im Jahre 1862 erbaut; das alte Schulhaus (der vordere Teil) enthält die etwas beschränkte und feuchte Lehrerwohnung. Es unterrichten an der Schule ein Schullehrer und ein Lehrgehilfe; daneben besteht eine Winterabendschule und Industrieschule.
Das neue Rathaus, das im Erdgeschoß das Spitzenlokal enthält, ist 1874 gebaut worden. Außerdem besitzt die Gemeinde ein Back- und Waschhaus, ein Schafhaus und eine Kelter mit 3 Bäumen.
Gutes und genügend Trinkwasser liefern ein laufender Brunnen und 3 Ziehbrunnen; die Markung ist reich an Quellen mit guten Wasser. In der Nähe des Ortes, unfern der nach Brettach führenden Straße, ist zwischen einem Erlengebüsch auf einer Wiese eine wenig altaisch reagierende Mineralquelle. Der jetzt sumpfige Wiesengrund "Hagenach" am südlichen Fuß des Wörrenbergs war wahrscheinlich früher ein See; außerdem wird Markung und Ort berührt von dem Sulzbach, der selten austritt und auch dann ohne Schaden zu tun.
Bizinalstraßen führen vom Ort nordwestlich nach Neuenstadt, nordöstlich nach Brettach, südwestlich nach Eberstadt; über den Sulzbach sind 4 steinerne Brücken hergestellt, welche die Gemeinde zu unterhalten hat.
Die kleine, im Ganzen 1672 Morgen betragende Markung, enthält im südlichen Teil waldige Höhen, nördlich hügeliges Terrain, durchzogen von dem Tal des Baches. Der Boden ist teils fruchtbar, der Wiesengrund teilweise naß und sumpfig.
Das Klima ist im Ganzen mild, doch sind Frühlingsfröste häufig. Gegen starke Winde wird die Gegend durch die vorgelagerten Berge geschützt und Hagelschlag ist selten. Es ist eine Lehm- und Kiesgrube vorhanden, sowie 2 tief eingetriebene Gipsbrüche und ein Steinbruch, aus dem weißer Sandstein gewonnen wird.
Die Einwohner leben vom Feldbau, von Viehzucht, Obstzucht und etwas Weinbau, welcher seit dem Mittelalter an den Hängen des Berges des Buckelwengerts und des Börrenberges sowie im Braunen und Greuten vorkommen.
Vom Kleinhandwerk sind besonders die Leinweber vertreten; 2 Krämer und eine Schildwirtschaft sind im Ort. Manche verdienen sich auch den Unterhalt durch Stroh - und Korbflechtereien, die nach Heilbronn abgesetzt werden.
Die Preise eines Morgens Acker bewegen sich zwischen 800 und 200 fl.(Gulden)
Der Wiesenbau ist ziemlich ausgedehnt, liefert aber zum Teil saures Futter. Die Wiesen kosten zwischen 600 und 200 fl.
Der Weinbau ist nicht bedeutend. Die Preise einen Morgens Weinberg stehen zwischen 1000 und 300 fl.
Die Obstzucht ist im Zunehmen begriffen; in günstigen Jahrgänge können bis zu 1000 Gri. Über den eigenen Bedarf nach außen verkauft werden. Die Gemeinde hat eine Baumschule und es ist ein Baumwart aufgestellt.
An Waldungen besitzt die Gemeinde 600 Morgen Laubwald, welche 150 Klaster und ca. 10000 Wellen ertragen. Die Bürger erhalten als Holzgabe je 50 Wellen. Das übrige wird verkauft und der Erlös fließt in die Gemeindekasse.

Die Weide wird von dem Pachtschäfer mit 200 bis 300 Stück Pachtschafen befahren, wofür die Gemeinde, die das Weiderecht hat, jährlich 500 Mark erhält; der Pferch trägt 350 Mark. Eigene Güterstücke, welche die Gemeinde besitzt, sind um 500 Mark jährlich verpachtet.
Der Zustand der Rinderzucht ist ein guter zu nennen; es findet nur Stallfütterungen statt. Ferkel werden auch noch außen abgesetzt.
Über den in der Nähe des Ortes befindlichen Martsteines "Löffelstein" gibt es die damit verbundene Sage vom Löffelstein.

Die Sage vom Löffelstein

In dem Wald bei Cleversulzbach, eine Viertelstunde südöstlich an der Grenze der Martung gegen Brettach, steht der sogenannte "Löffelstein" ein viereckiger, ungefähr ½ m hoher Stein, auf dessen oberer Seite ein (nicht sehr deutlicher) Löffel vertieft, ziemlich kunstlos, abgebildet erscheint; auf der Vorderseite des Steines sind die Buchstaben S B, auf der Rückseite die Zahl 1803 und die Buchstaben B R eingegraben. An diesem Stein knüpft sich folgende Sage :

Bei einem Markungsstreit zwischen den Gemeinden Brettach und Cleversulzbach habe ein gottvergessener Förster das jetzige Terrain dadurch an Brettach zu bringen gewußt, das er beschwor, so wahr ein Schöpfer über ihm sei, stehe er auf Brettacher Boden. Er beging aber dadurch eine Täuschung, vielmehr einen Meineid, das er in seinem Hut, den er auf dem Kopf hatte, einen Löffel ( Schöpfer ) und in seinen Stiefeln Brettacher Erde getan hatte. Zu Strafe für diesen Meineid muß er gehen; er ist der sogenannte "Häldengeist". Man will ihn besonders am Stephanstag in grauem Jägerrock, von einem oder auch 12 Hunden Begleitet, gesehen haben und hört öfters seinen Rufen im Wald: HAU, HAU ! - Da man ihn in letzter Zeit nicht mehr gesehen hat, greift natürlich der Glaube um sich, seine Straf- und Bußzeit sei nun vorüber und er zur Ruhe eingegangen.








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